Sonntag, 13. Juli 2008

Schöne Technik in Berlin

video

Nun gut: Sie sind gefährlicher, haben einen höheren Energieverbrauch und fahren langsamer als gewöhnliche Aufzüge. Nichtsdestotrotz aber macht es riesigen Spaß, in Paternostern zu fahren; allein schon, weil sich in Deutschland kaum noch die Möglichkeit dazu bietet. Dieser Film, gedreht im Neues-Deutschland-Redaktionshaus am Berliner Franz-Mehring-Platz, beweist jedenfalls, dass es ohne Gefahr möglich ist, die Fahrkabine nach dem obersten Stockwerk nicht zu verlassen. Als Zugabe, besonders für jene LeserInnen, die nicht warten wollen, bis die doch recht große Videodatei fertig geladen ist, folgen unten noch weitere Bilder aus dem Gebäude.









Dienstag, 8. Juli 2008

Ein Ausflug ins Kosmosviertel

Man mag es kaum glauben, aber: In architektonischer Hinsicht war in der DDR doch nicht alles schlecht in den späten 80er Jahren. Zwar wurde in dieser Zeit allein in Berlin mehr als genug gebaut, was weit hinter alles zurückfiel, was das Bauwesen dieses Landes bis dahin erreicht hatte - man denke nur an die Plattenbau-Mietskasernen am östlichen Ende Friedrichshains und den Disneyland-Historismus des Nikolaiviertels - aber ab und an gab es in all dem Niedergang doch noch ein letztes Aufbäumen sozialistischer Stadtplanung.

Hierzu gehört auch ein kleines Berliner Wohngebiet, das in seiner Randlage an der ehemaligen Staats- und heutigen Bezirksgrenze zwischen Treptow und Neukölln nur Wenigen bekannt sein dürfte: Das "Kosmosviertel" in Altglienicke.


Wenn man mit der S-Bahn in diesen Teil Berlins reist, merkt man gleich, dass man am Stadtrand ist. Endlos weit ziehen sich die Einfamilienhäuser hin, und nur die etwas breiteren Hauptstraßen, auf die man manchmal trifft, helfen bei der Orientierung. Auf einmal aber weitet sich der Weg, und an die Stelle der Eigenheime tritt eine Plattenbauzeile, die sich stufenweise von drei auf sechs Geschosse erhebt, um den Wechsel der Bebauung dem Auge sanfter zu machen. Die Variation der Bauhöhe setzt sich im Laufe des Wohngebiets, das seine Bezeichnung von den nach Himmelskörpern benannten Straßen hat, immer weiter fort bis zu den elfgeschossigen Scheibenbauten, die die Höhendominanten des Viertels bilden. Unglaublich eigentlich, dass zu einer Zeit, als die Großsiedlung Berlin-Hellersdorf mit fast durchgängig fünfgeschossiger Bebauung errichtet wurde, in diesem kleinen Wohngebiet noch immer solche Hochhäuser emporschossen.



Die aus hellgrauen und braunen, mit Klinkermustern verzierten Betonplatten bestehenden Fassaden sind glücklicherweise auch noch zu großen Teilen nicht saniert worden und haben das augenscheinlich auch gar nicht nötig. Im Wohngebietszentrum sind in die Erdgeschosse Ladenzeilen eingebaut, so dass eine kleine Flaniermeile entsteht, die einzige wirklich urbane Zone inmitten der weitgestreckten, ausschließlich dem Wohnen vorbehaltenen Fläche von Altglienicke - der Ort wird sozusagen vom Rande her urbanisiert.


Der späte Zeitpunkt des Baus, kurz vor der Konterrevolution, wirkt sich aber leider auch auf einen für diese Website besonders wichtigen Punkt aus: Zwar wurden alle Gebäude des Kosmosviertels offenbar noch rechtzeitig fertig, aber Kunst im öffentlichen Raum, die solch ein Wohngebiet doch erst wirklich zur Heimat macht, wurde hier keine mehr geschaffen. Lediglich ein Kunstwerk konnte ich bei meinem Spaziergang finden, das dafür aber um so erfreulicher ist. Es handelt sich um eine Wandgestaltung an einem ehemaligen Kindergarten, der jetzt verschiedene soziale Einrichtungen beherbergt. Ursula Schröder entwarf diesen niedlichen Drachen, der aus verschiedenen, kindgerecht stilisierten Tieren zusammengesetzt ist und im VEB Schilderwerk Beutha gefertigt wurde.

Sonntag, 22. Juni 2008

Praktische Architekturkritik in Potsdam

Auch wenn ich so etwas normalerweise nicht tue, möchte ich hiermit (wegen des passenden thematischen Bezugs) zur Weiterverbreitung des Aufrufs des "Bündnisses Madstop" für eine Demonstration morgen in Potsdam beitragen:


Am 23. Juni 1968 wurden in Potsdam die Reste der Garnisonkirche gesprengt. Damit wurde ein Bauwerk beseitigt, welches eines der bedeutensten Symbole des preussischen Militär-Feudalismus war. Errichtet wurde die Garnisonkirche auf Veranlassung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. zu dem Zweck, "eine Versammlungshalle für die geistig-moralische Züchtigung der Soldaten" zu sein. Bis zum 1.Weltkrieg diente das Haus zur Ausrichtung der großen Siegesfeiern der Preußischen Armee. Außerdem wurde die Ausstellungshalle für die in verschiedenen Kriegen erbeuteten Trophäen genutzt, um aller Welt die militärische Machtfülle, den Herrschaftsanspruch und Überlegenheit des Preußentums zu demonstrieren Sie stand symbolisch für die Verquickung von Adel, Militär und evangelischer Kirche, das Bündnis aus Dumpfheit, Reaktion und Unterdrückung, welches den zu Recht schlechten Ruf Preussen begründete.

Diese Kirche war der Ort, an dem am Tag von Potsdam die alten feudalen Eliten Preussens ihr Bündnis mit der nationalsozialistischen Bewegung durch den berühmten Händedruck zwischen Hitler und Hindenburg besiegelten. Später kündigten die alten preussischen Eliten das Bündnis auf, als sie erkannten, dass der Tag sich näherte, an dem die Rote Armee ihre ostpreussischen Güter überrennen würde. Die von ihnen gestellten Offiziere, eine Bande ausgewiesener Antisemiten und Massenmörder, die im Potsdamer Infanterieregiment 9 dienten, versuchten am 20. Juli 1944 Hitler mit einem dilettantisch durchgeführten Bombenattentat zu töten. Ihr Scheitern bedeutete oft ihr Todesurteil. Dieser Machtkampf zwischen traditionellen preussischen und neuen nationalsozialistischen Eliten wird heute gern zum Widerstand umgelogen. Weil die Garnisonkirche die Regimentskirche des Infanteriregimentes 9 war, wird sie im gleichen Zug als Ort des Widerstandes bezeichnet.

Am 40. Jahrestag der Sprengung soll nun am ursprünglichen Standort der Garnisonskirche die "Stiftung Garnisonkirche Potsdam" gegründet werden. Die Stiftung wird den Wiederaufbau der Garnisonkirche organisieren und finanzieren. Dieserer Stiftung gehören unter anderem die evangelische Kirche, die Stadt Potsdam und die "Stiftung Preußisches Kulturerbe" an. Ihr Schirmherr ist der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm ist. Selbst ernanntes Ziel der neuen Stiftung ist es, einen "Ort der Versöhnung" zu errichten. Angedacht ist eine Dauerausstellung zum Thema 20. Juli 1944 und dem angeblichen Widerstand preußischer Offiziere gegen das NS-Regime.

Geplant war zudem, die Kirche als ein Versöhnungszentrum zu nutzen, das von einer eigenen Stiftung unterhalten werden soll. Inzwischen hat die Kirche signalisiert, auch auf das ohnehin nur als Alibi vorgesehene Nagelkreuz von Coventry zu verzichten, welches den Preußenadler auf der Kirchturmspitze ersetzen sollte. Denn die bisher gesammelten 300.000 Euro der Kirche sehen gegenüber den von der "Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel" (TPG) gesammelten ca. 7 Millionen eher spärlich aus. Diese hatte die TPG allerdings mitgenommen, als sie das gemeinsame Projekt im Streit verließ. Die TPG, welche aus dem Umfeld eines westdeutschen Fallschirmspringerbataillon entstand, stieß das Projekt des Wiederaufbaus bereits Mitte der 80er mit der Geldsammlung für das Glockenspiel der Garnisonskirche an. Die Forderungen der TPG nach einem Verbot von feministischen Pfarrerinnen, homosexuellen Trauungen und Kirchenasyl in "ihrer" Kirche führte zum Bruch mit der evangelischen Kirche. Doch scheinen die übrig gebliebenen Organisationen nun gemerkt zu haben, dass mit Wischiwaschirevisionismus kein Geld zu holen ist. Durch ihre finanziellen Mittel kann die TPG Stück für auf informellem Wege ihre Forderungen durchsetzen, welche einen noch reaktionäreren Charakter haben, als es der Wunsch nach dem Wideraufbau der Garnisonkirche ohnehin schon ist.

Preußen ist nicht sexy!

Der Wiederaufbau der Garnisonskirche ist jedoch nur das Flaggschiff der Preußenrenaissance. So wird in Potsdam gerade an der Neuauflage des Preußischen Toleranzedikts gearbeitet, und der Wiederaufbau des Stadtschlosses ist im vollen Gange. Dass diese Renaissance über Potsdams Grenzen hinaus von Bedeutung ist, sieht man beispielsweise am Süddeutsche Magazin. Dieses widmete dem Thema eine ganze Ausgabe unter dem Titel „Preußen ist sexy“.

Aber Preußen ist weder sexy, noch tolerant oder glamourös. Es steht für eine rücksichtslose Politik des Herrschaftsanspruches, Zwang zur Obrigkeitshörigkeit, Disziplinierung und Militarismus. Der Preußenhype wird getragen von Menschen mit reaktionären Gesellschaftsvorstellungen. Aber wir haben keinen Bock auf Preußen! Wir sind für eine selbst bestimmte, freie Gesellschaft ohne Geschichtsrevisionismus, Disziplinierung und das Abfeiern autoritärer Gesellschaftsstrukturen!

In diesem Sinne: Preußen war, ist und bleibt scheiße!

Das wollen wir am 23. deutlich zeigen und gleichzeitig praktische Architekturkritik feiern!

DEMO // 23.JUNI // 16.30 UHR am GLOCKENSPIEL (DORTUSTRASSE)

Ein Ausflug nach Buch


Der zu Berlin gehörige Ort Karow hätte, soweit ich überblicken konnte, an sich nichts zu bieten, was einen Besuch rechtfertigen würde, wäre da nicht seine vorteilhafte Lage: Durchwandert man ihn nämlich in Richtung Norden, dann gelangt man unter einer Autobahnbrücke des Berliner Rings hindurch in die ebenfalls ins Berlinische eingemeindete Ortschaft Buch, wobei der erste Eindruck durch ein Wohngebiet aus sechsgeschossigen Plattenbauten gebildet wird. Hier werden Reisende von zwei freundlichen, von Stephan Horota geschaffenen Giraffen begrüßt.






Bald hierauf gelangt man zu einem Exemplar von Kunst im öffentlichen Raum, das sehr anschaulich zeigt, zu welcher Höhe gerade diese Form der Kunst im Sozialismus gelangen konnte. Es handelt sich dabei um das 1976 von H. Schulz und W. Petrich geschaffene Keramikrelief “Lernen und Freizeit” an einer Außenmauer, die den Eingang zum Schulhof der Hufeland-Oberschule weist. Gegenstand des Werkes ist, ganz profan, das alltägliche Leben der Menschen, und zwar junger Menschen, denn wahrscheinlich werden es vor allem solche gewesen sein, die hier bei Entstehung des Wohngebietes einzogen. Kinder lassen Drachen steigen – in der Schule lernen sie anhand von Bildern und Präperaten etwas über Vögel, während im Hintergrund Bilder von Juri Gagarin und Karl Marx an der Wand hängen – ein junges Paar beim Schwimmen – die Erbauer des Wohngebietes, dessen eine Betongroßplatte im Hintergrund zu sehen ist, werden von einer Pionierdelegation begrüßt – ein Paar (das gleiche wie vorhin?) durchtanzt die Nacht und wirbelt dabei den gesamten Sternenhimmel des Sonnensystems um sich herum – eine internationale Gruppe junger, hippieartig aufgemachter Menschen musiziert (die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin lagen zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Kunstwerks erst drei Jahre zurück) – eine junge Familie picknickt am Strand. Geht man nach links, so merkt man erst, dass noch ein weiteres Bild zu dem Zyklus gehört, das sich auf einem rechtwinklig abgeknickten Stück der Mauer befindet: Kinder stehen vor einer Wand, auf die sie ein Bild der Schule malen. Die malenden Kinder sind als Reliefs abgehoben, während ihr in kindestypischen Formen gehaltenes Bild flach in den Ton eingeritzt ist (durch ebensolche Gestaltung sind auch die Bilder an den Wänden des Klassenzimmers als Bilder kenntlich gemacht, im Unterschied zum als Relief dargestellten lebendigen Tun der Schüler). So wird als Abschluss der Anlage formuliert, dass Jede und Jeder, die und der hier zur Schule geht, auch selbst künstlerisch tätig werden kann. Das zeigt sich auch an der Platzierung der malenden Kinder, die eine Ebene tiefer stehen als der ganze Rest der Bilder, so als wären sie nicht selbst Teil des Kunstwerks, sondern auf einer Stufe mit den Künstlern, die dieses Werk geschaffen haben.



Erfüllt von Eindrücken begeben wir uns in Richtung des ausgedehnten Bucher Klinikgeländes, auf dem sich Bauten aus fast allen architektonischen Strömungen des 20. Jahrhunderts versammeln: vom historisierenden Ekklektizismus über das Neue Bauen bis hin zu Spuren aus jedem Jahrzehnt Baugeschichte der DDR. So vereinigt die hier abgebildete Robert-Rössle-Klinik an einem einzigen Gebäude die letzten Ausläufer der “nationalen Bautradition” (ersichtlich noch in der Gliederung der Fassade) und eine geradezu überschwengliche Umarmung der internationalen Moderne (der Eingangsbereich ist baulich und vom Dekor her ganz in dynamischen, asymmetrischen Formen gehalten).



Durch den teilweise recht verwilderten Schlosspark hindurch gelangen wir schließlich an unser Ziel: ein Bücherbasar auf einem ehemaligen Werksgelände, bei dem wir uns mit allerlei Nützlichem und Angenehmem eindecken können. Auf einer Bank im Wohngebietszentrum beim S-Bahnhof, das leider seit meinem letzten Besuch komplett abgerissen und durch neue Ladenbebauung mit engen Gassen ersetzt wurde (nur eine Kaufhalle steht noch, wird aber momentan auch geräumt), blättern wir in unseren neuen Büchern und nehmen aus den Augenwinkeln noch wahr, wie ein kleines Mädchen ihrer Mutter imponieren will, indem sie die vor uns stehende “Gänsegruppe” Nikolaus Bodes erklettert. Ich fühle mich erinnert an meine Lieblingspassage aus Georg Piltz' “Mit der Kunst auf du und du” (Verlag Neues Leben, Berlin 1974), und will diesen Beitrag damit schließen:


Kinder “benutzen die Plastik als Mal beim Haschen, als Sitzgelegenheit oder auch als Klettergerüst. Für sie gehört das Kunstwerk einfach zu ihrer natürlichen Umwelt, es ist für sie in einem schönen Sinne selbstverständlich geworden ... Vielleicht ist dies die wichtigste Funktion der 'Kunst am Wege': Sie erlöst die Kunst aus ihrer musealen Abgeschiedenheit, in die sie von der Bourgeoisie verbannt war, und befreit den Menschen von einer Betrachtungsweise, die angesichts einer sich ständig verändernden Welt ebenfalls museal anmutet. Wir lernen mit der Kunst wie mit unseresgleichen umzugehen und sie eindringlich zu befragen, statt sie nur ehrfürchtig zu bestaunen.” Hoffen wir, dass die Kletterpartie für das Bucher Mädchen einen solchen Anfang zur Kunstliebe bildet – sollte sie die Hufeland-Oberschule besuchen, hätte sie jedenfalls bereits auf dem Schulweg beste Voraussetzungen dazu.


Montag, 16. Juni 2008

Am Universitätsplatz Rostock

An der Kreuzung der beiden wichtigsten Fußgängerzonen des Rostocker Stadtzentrums, der Kröpeliner Straße und der Breiten Straße, liegt der Universitätsplatz, der bis in die 80er Jahre hinein vor allem der Funktion diente, auf die sein Name schon hinweist: Er beherbergt das Hauptgebäude und verschiedene andere Bauten der (ehemaligen Wilhelm-Pieck-)Universität Rostock. So konnten Gerhard Murza und Hans Jordan in ihrem 1979 erschienenen Bildband "Rostock" (VEB F.A. Brockhaus Verlag Leipzig) über diesen Platz noch schreiben: "Er wird täglich von einer bunten, quirlenden Menschenmenge überquert, die gar nicht allzuviel Notiz von ihm nimmt, denn mit Geschäften ist er stiefmütterlich bedacht worden."


Dass dies sich seither geändert hat, ist nicht unerfreulich, wenngleich ich annehme, dass es an Wochentagen zwischen den Studierenden der Universität und den promenierenden Touristinnen und Touristen starke Konkurrenz um den knapp bemessenen Platz an diesem Ort gibt (da wir allerdings an einem Wochenende hier weilten, war diese Konkurrenz bereits zu Gunsten letzterer Gruppe entschieden). Auch der von Jo Jastram und Reinhard Dietrich geschaffene "Brunnen der Lebensfreude" hat dem Platz sicherlich viel von seiner bloßen Durchgangsfunktion genommen, lädt er doch zum Verweilen und Betrachten der allerlei Menschen und Getier ein, die hier beim fröhlichen Spiel im sprudelnden Wasser dargestellt sind.


Schlimm allerdings ist, dass hier bis 1986 mit dem "Fünfgiebelhaus" eines der großen Projekte des "innerstädtischen Bauens" verwirklicht wurde. Diese Tendenz, mittels industrieller Fertigungsmethoden historische architektonische und städtebauliche Formen nachzubilden, entstand als Reaktion auf die teils als monoton und unwirtlich empfundenen modernen Bauten der 60er und 70er Jahre und setzte sich im Bauwesen der DDR im Laufe der 80er Jahre immer weiter durch. So wurde nach und nach die Suche nach einer eigenen Formensprache des Sozialismus durch ein bloßes Nachahmen überkommener Stile ersetzt; an die Stelle einer Neuordnung des Raumes gemäß der veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse trat die Bindung an überkommene Stadtstrukturen vergangener Jahrhunderte, bis hin zu solchen Erscheinungen wie dem Bersarinplatz in Berlin, an dem man sehen kann, "dass der DDR-Wohnungsbau in den späten Jahren ästhetisch fast schon wieder auf das Niveau der wilhelminischen Mietskasernen herabgesunken war." (Anne Holper / Matthias Käter: DDR-Baudenkmale in Berlin. via reise verlag, Berlin 2003)


An der Nordseite des Universitätsplatzes jedenfalls wurde versucht, die für die Rostocker Altstadt typischen Giebel der Renaissance und der Backsteingotik mittels Großplattenbauweise zu imitieren, was einen Eindruck vermittelt, als befinde man sich inmitten eines überdimensionierten Lego-Bausatzes. Auch der Reichtum an künstlerischen Verzierungen vermag da nichts auszurichten - gerade die Platzierung einiger Reliefmedaillons und einer Plastik des Rostocker Greifen ganz oben an den Giebeln, wo sie nur mit einem Fernglas vernünftig anzusehen sind, zeigt eher, wie wenig durchdacht die Konzeption der 1986er Neugestaltung war.


Drei Reliefs am Parterre eines der Gebäude geben zwar in ansprechender Weise Auskunft über die Stadtgeschichte, überzeugen aber auch vor allem durch die Darstellung eines Architektentrios mit einem Modell des im Bezirk Rostock erfundenen Terrassenhochhauses. Damit wird eher Fernweh als Behaglichkeit geweckt, denn diesen Haustyp findet man zwar an vielen Punkten der Stadt, nur eben nicht am Universitätsplatz.


Alles in allem gehört der Platz zu den wenigen Orten der DDR, die nach deren Ende erheblich an Qualität gewonnen haben, denn in den Erdgeschossen der beiden Häuser an der Mündung zur Breiten Straße befinden sich jetzt, einander direkt gegenüber, Filialen von Burger King und McDonald's. Und so wurde unser Aufenthalt dank eines "M"-Maxi-Menüs doch noch ein Genuss.

Donnerstag, 8. Mai 2008

In der Bad Freienwalder Kaserne

Wanderungen durch die annektierte DDR haben ja, gerade in provinzielleren Gebieten, immer etwas von archäologischer Forschung. So, wie man in Wäldern, im Fundament abgerissener Häuser und beim Umgraben von Feldern mitunter auf die Überreste frühzeitlicher Siedlungen stößt, so findet der Spaziergänger, der ein Auge dafür hat, zwischen Stralsund und Sonneberg mitunter noch die schönsten und interessantesten Gebäude, städtebaulichen Situationen und Kunstwerke, wenn auch oft in bemitleidenswertem Zustand.


Unter den hierbei möglichen Fundstücken bilden militärische und geheimdienstliche Bereiche eine Klasse für sich, denn aufgrund der Geheimhaltungsstufe, der solche Gebiete notwendigerweise unterlagen, sind sie in Wander- und Architekturführern der DDR nicht verzeichnet, so dass man auf die noch immer bruchstückhaften Forschungen aus der Zeit nach 1990 verwiesen ist. Umso mehr gilt dies für Gebiete, die nicht von den staatlichen Organen der DDR, sondern von solchen der UdSSR genutzt wurden, namentlich die Kasernen der Sowjetarmee.



Auf eine solche stießen wir, ohne es erwartet zu haben, in der Kurstadt Bad Freienwalde im Oderbruch. Hier, wo einst die 6. Gardemechanisierte Division der Sowjetarmee stationiert war, lässt sich die Veränderung der Nutzung solcher Areale, ganz ähnlich wie z.B. in Neuruppin und Wünsdorf, in Echtzeit miterleben. Während der größte Teil der Wohngebäude mittlerweile saniert und zum neuen Wohngebiet “Waldstadt” hergerichtet worden ist, ist die verfallene Absperrung durch Mauern und Zäune immer noch sichtbar. Am Rande des Geländes steht ein letzter Wohnblock leer, vor dem zwischen allerhand Gestrüpp ein Schwimmbecken vor sich hin gammelt. Der blau angestrichene Beton ist an vielen Stellen abgeblättert, Gräser und Bäume stoßen durch Boden und Wände, und es zeigt sich, dass der Mensch sich nur durch Arbeit in der Natur verwirklichen kann: Wo er sich zurückzieht und seine Werke sich selbst überlassen bleiben, werden sie von der Natur zurückerobert.



Wie lang das noch so weitergeht, ist nicht abzusehen. Laut “Märkischer Oderzeitung” vom 11. April plant ein Wriezener Investor in und um den letzten Kasernenbau die Errichtung eines “Fun-Parks” mit künstlich angelegtem See, Kletterwand und Dachterasse mit Biergarten. Man hat jedenfalls allen Grund, bei solch ambitionierten Projekten in dieser Gegend skeptisch zu sein.

Mittwoch, 26. März 2008

Ein Zentrum Bautzens








Über die Altstadt Bautzens kann man in der Weite des Internets und in klugen Büchern wahrlich genug und vor allem Qualifizierteres finden, als ich es zu schreiben vermöchte. Darum sei, der Ausrichtung dieser Seite entsprechend, hier auf ein anderes Zentrum der Stadt verwiesen, das weit weniger Beliebt-, geschweige denn Bekanntheit bei Touristen genießt, aber nichtsdestotrotz einen Besuch wert sind.

Weit im Osten der Stadt, an der Bushaltestelle mit dem schönen Namen "Erich-Weinert-Straße / Hochhaus", liegt das Zentrum des Doktor-Salvador-Allende-Viertels. Das namengebende Hochhaus ist ein zwischen all den fünf- und sechsstöckigen Bauten aufragender Neungeschosser mit Laubengängen und einem flachen Ladentrakt, der an der Kreuzung der Doktor-Salvador-Allende-Straße zur Hanns-Eisler-Straße steht und den Blick aus beiden Richtungen bestimmt. Ob es das Café auf der Dachterasse noch gibt, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es deutete zumindest leider nichts darauf hin.

Gegenüber ziehen sich zu beiden Seiten die Hanns-Eisler-Straße Flachbauten mit Geschäften hin, und dort steht auch das "Andena": ein großartiges Mehrzweckgebäude, das geschickt unter Ausnutzung der Hanglage in zwei Ebenen gebaut ist, von denen die obere Läden und die untere das Restaurant "China-Town" enthält, wo mir in hübschem kitschig-folkloristischem Ambiente eine für zwei Personen ausreichende (wenn auch nur eingeschränkt leckere) Portion Reis und Gemüse für wenig Geld serviert wurde.

Das Gebäude ist, der Chile-Thematik entsprechend, mit südamerikanisch anmutenden Mosaiken verziert: Masken, Feuer und ein Regenbogen sind vielleicht zu lesen als Allegorie auf die Tragödie um die Unidad Popular, die doch die Flamme des Sozialismus nicht ersticken kann. Das Flammenthema ist dann auch in einer Skulptur am Rande des Platzes noch einmal aufgenommen.

Überhaupt, der Platz: Das untere Stockwerk, das etwas unter dem Bodenniveau liegt, hat so Gelegenheit, sich zu einem kreisrunden Platz mit amphitheaterhafter Stufenbegrenzung zu öffnen. Hier könnte man wunderbar Konzerte veranstalten! Doch auch so weiß die Anlage zu überzeugen, und als ich an einem Karfreitag hier weilte, kamen gegen Mittag reihenweise Familien herbei, um Peking-Ente und Chinapfanne als Festtagsschmaus zu genießen. Sollte ich mir irgendwann einmal einen Umzug in die Oberlaustitz überlegen, dann wäre diese Gegend wohl mein Ziel.

Donnerstag, 20. März 2008

Rundgang durch Suhl-Nord


Das letzte Wohngebiet, das in der Bezirksstadt gebaut wurde, und gleichzeitig das größte Neubaugebiet des Bezirks ist das 1978 begonnene Suhl-Nord. Von vielen Punkten der Stadt aus kann man es am Horizont sehen, liegt es doch auf dem über 500 Meter hohen Ziegenberg.


Der Hinweg ist damit auch alles andere als leicht, muss man doch ewig bergauf gehen und dann auch noch einen in Treppen gefassten Weg gehen, dessen Straßenlaternen allesamt abmontiert sind, so dass man im Dunkeln die Stufen herabfallen und sich an den schlechten Skulpturen aus den späten 80er Jahren, die Titel wie "Männliches und weibliches Prinzip" und "Florale Konfiguration" tragen, den Schädel aufschlagen kann.




Die Stadt, die sich im Zentrum alle Mühe gibt, mit der Vernichtung der zahlreich vorhandenen sozialistischen Kunst und der Besetzung öffentlichen Raums durch Malls und Parkhäuser eine echte kapitalistische City zu schaffen, zeigt hier auch die dazugehörige Ghettobildung. Das von Manfred Höllering entworfene Komplexzentrum, das sich auf drei befahrbaren Ebenen den Hang hinauf zieht, entschädigt denn auch nur mäßig für den mühsamen Aufstieg, steht es doch, abgesehen von einem Fitnesscenter, fast völlig leer, und in der Grünanlage nebenan überwuchert das Gestrüpp langsam einen liegenden weiblichen Akt, so dass man sich an Dornröschen erinnert fühlt.




Ein Stück höher auf dem Berg wurde neben das Wohngebietszentrum, in dem heute Rewe und verschiedene kleinere Läden ihren Sitz haben, ein neues Einkaufszentrum gesetzt, auch ist weitgehend ungenutzt. Trotzdem aber gibt es noch die eine oder andere Kneipe, ein Nachbarschaftszentrum und einen Jugendclub, in dem sogar die Antifa Veranstaltungen gibt.











So lässt es sich dann vielleicht doch ganz gut leben zwischen den Häuserblöcken, deren Schwingung die Beschaffenheit des bergigen Geländes aufnimmt, und die, von Sanierungsmaßnahmen im Rahmen des „Stadtumbau Ost“ weitgehend verschont, noch ihre ursprünglichen Fassadenmusterungen tragen. Schade nur, dass das Hochhaus, welches ich auf einer gar nicht so alten Postkarte hier noch sehen konnte, nicht mehr existiert; es hätte dem Zentrum noch den letzten Schliff gegeben.



Zuletzt sei nach Suhl Reisenden noch empfohlen, in der „Sportlerherberge“, einem ehemaligen Kindergarten am nördlichen Rand des Wohngebietes abzusteigen, wo man nicht nur einen schönen Ausblick auf Plattenbauten hat, sondern auch Mikrowelle, Tischtennisplatte und einen Schrank voller DDR-Literatur zur Verfügung hat.